„Boomer-Soli“ ist eine Wortneuschöpfung, zusammengesetzt aus Babyboomer – jener geburtenstarken Generation, die derzeit in Rente geht – und dem bekannten Solidaritätszuschlag. Gemeint ist eine Sonderabgabe, die besser gestellte Rentner*innen leisten sollen, um ärmere Ruheständler*innen finanziell zu entlasten.
Auch wenn der Boomer-Soli laut VdK derzeit nur ein theoretisches Konzept ist und keine konkrete Umsetzung geplant wird, macht die öffentliche Debatte um den Begriff deutlich, wo die Herausforderungen im Umgang mit dem demografischen Wandel liegen. Dabei rückt eine zentrale Frage in den Fokus:
Wann gilt ein Rentner als „besser gestellt“ – und ist diese Einteilung überhaupt sinnvoll oder gerecht, um dem Rentenproblem zu begegnen?
Viele Vermögende erzielen im Alter ihr Einkommen nicht über die gesetzliche Rente, sondern aus Kapitalerträgen (Aktien, Immobilien, Unternehmensanteile). Diese Einkünfte werden mit der Abgeltungsteuer (25 %) deutlich milder besteuert als Erwerbseinkommen (42–45 %); Renten- und weitere Sozialabgaben werden zudem gar nicht erhoben. Damit haben diese Personen bereits über die Erwerbsjahre hinweg einen geringeren Beitrag zu den Renten- und Sozialsystemen geleistet. Würde der Boomer-Soli nun über die Rente erhoben, würde diese Gruppe, die ihr Vermögen über Kapitalmärkte und Co. generiert, faktisch durch das Raster der Solidaritätslogik fallen.
Deutlich macht das ein Blick in eine Studie der Bundesbank vom April 2025 mit Zahlen aus 2023 zum Thema: „Vermögen in Deutschland steigen nominal, gehen aber real zurück. Ungleichheit bleibt unverändert.“
Demnach halten die obersten 10 % weiterhin mehr als 50 % des gesamtdeutschen Vermögens. Die Rentenansprüche machen hier allerdings nur etwas mehr als 20 % der Vermögenswerte aus.
Bei den unteren 50 % bis 10 % macht die Rente als Vermögenswert hingegen knapp 70 % bei einem Anteil von 40 % am deutschen Vermögen der Privathaushalte aus. Bei den unteren 10 % beträgt der Anteil der Rente am Vermögen sogar mehr als 120 % – hier sind die Haushalte nettoverschuldet.
Diese Zahlen verdeutlichen: Je höher das Vermögen, desto irrelevanter wird die gesetzliche Rente. Ein „Boomer-Soli“, der dies nicht progressiv berücksichtigt, würde also vor allem jene treffen, die ihr Einkommen nicht aus Kapital beziehen – und könnte somit neue Ungerechtigkeiten erzeugen. Zudem könnten die oberen 10 % nicht nur nominal auf weit mehr Rente verzichten als die unteren 50 %.
Allerdings weist bereits das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) darauf hin, dass der „Boomer-Soli“ nicht allein an Renteneinkünfte gekoppelt sein muss. Eine Abgabe von 10 % auf alle Alterseinkünfte – wie etwa „Kapitaleinkünfte“ – über einem Freibetrag von rund 1.000 Euro monatlich würde:
- die oberen 20 % der Rentner*innenhaushalte moderat belasten
- das Nettoäquivalenzeinkommen dort um 3-4 % reduzieren (je nachdem, ob Kapitaleinkünfte berücksichtigt würden)
- beim unteren Fünftel die Einkommen um 10-11 % erhöhen
Allerdings stellt sich hier bereits die Frage, ob 1.000 Euro Freibetrag möglicherweise zu gering ist. Selbst wenn es die unteren 20 % besserstellt, würden Renten bereits auf einem Niveau abgebrochen, dass sich unterhalb der Armutsgrenze befinden (2024 bei etwa 1.378 Euro).
Ein solcher Eingriff birgt damit das Risiko, Rentner*innen sozial auseinanderzudividieren: Solidarität könnte durch Missverständnisse und gefühlte bzw. reale Ungleichbehandlung gefährdet sein – mit potenziellen politischen Folgen.
Vor diesem Hintergrund kritisiert VdK-Präsidentin Verena Bentele den Vorschlag des DIW scharf und fordert:
„Wenn schon Umverteilung, dann richtig. Ich plädiere für einen Reichen-Soli – also eine faire Besteuerung sehr hoher Vermögen und Erbschaften.“
Für Bentele geht es um eine Besteuerung fernab der Rentenlogik – dort, wo Vermögen mühelos und fernab vom Alltag normaler Rentner*innen entsteht. Eine Maßnahme, die auch bei der Pflegedebatte helfen könnte.
Die rhetorische Spitze von Bundeskanzler Merz im Sommer 2025, dass „höhere Anstrengungen von allen“ Bürger*innen notwendig seien, lässt jedoch erahnen, dass der Boomer-Soli – wenn überhaupt – vermutlich nicht die oberen Vermögen stärker mit einbezieht. Stattdessen sind Worte wie „alle“ häufig Indikatoren für eine stärkere Belastung der unteren Einkommen und Vermögen, da sie eben nicht progressiv sind (hier unser Artikel).

